Tirol
Was nicht verzichtbar ist. Eine Laudatio
Timm Klotzek, Jurysprecher bei Berg.Welten 2009, hielt anlässlich der Preisverleihung im Interalpen-Hotel Tyrol die Laudatio auf Melanie Mühl. Lesen Sie seine Ehrung für „Der Bilderberg“, den Artikel, mit dem die junge FAZ-Journalistin den Reisejournalismuspreis der Tirol Werbung für sich entschieden hat.

Es ist mir eine Ehre als Sprecher der Jury Melanie Mühl ehren zu dürfen für ihren Text „Der Bilderberg“. Gleichzeitig obliegt mir die Aufgabe, ihnen, verehrte Gäste, zu erklären, was uns Juroren um Himmels willen geritten hat in diesem Jahr, gerade dieses Stück Journalismus unserem Sujet gemäß zu prämieren. Denn ein flüchtiger Blick auf den Siegertext wirft erst mal Fragen auf.

Vergeben wir hier nicht den BERG.Welten-Preis? Und spielt Mühls Geschichte nicht zu weiten Teilen in einer gegensätzlichen Welt – in den Niederlanden, der flachsten Landschaft, die sich in Europa finden lässt? Mühl hat, auch das üblicherweise nicht gerade ein Pluspunkt in einer Jury-Diskussion, die beiden Hauptfiguren der Geschichte niemals getroffen. Der Text hat kein geschlossenes Ende, hält vieles offen, etwas Märchenhaftes, Skeptisches, Bescheidenes liegt in der ganzen Geschichte, das irritiert uns Jury-Journalisten, die wir ja gewohnt sind, mit Superlativen zu jonglieren und die wir die Selbstgewissheit spätestens an der Journalistenschule antrainiert bekommen.

Mühls Text besticht mit einer unprätenziösen Andersartigkeit. Etwas wie ihren Text, da war sich die Jury sofort einig (und wann sind wir das schon einmal?), haben wir alle schon lange nicht mehr gelesen. Mit den Methoden und Thesen einer Detektivin bestreitet die Autorin ihre Recherche. Präzise, einfühlsam und, selten im zeitgenössischen Journalismus, in voller Diskretion beschreibt Melanie Mühl ihre Suche nach einer Liebe, deren Spur sich nur in seriell-ikonenhafter Fotografie erhalten hat.

Greet und Piet, so die Namen der beiden Liebenden, wie sie sich eine Ehe lang vor Berglandschaften abgelichtet haben. Das war’s dann eigentlich auch schon. Was suchten die beiden in den Bergen, was haben sie dort gefunden? Was sind überhaupt die Berge ohne die sehnsuchtsvollen Menschen, die bei ihnen leben oder sie Jahr für Jahr bereisen?

Grübelnde Fragen wie diese, eine wohltuende Lebensnähe (wer von uns hier Anwesenden fragt sich nicht von nun an nach den tiefenpsychologischen Andeutungen seiner Urlaubsfotos?) hat sich heuer durchgesetzt in der Berg.Welten-Jury gegen hochklassig-abenteuerliche Expeditionsberichte aus den Randbereichen der Zivilisation in Südamerika oder dem afghanischen Hochgebirge, gegen sprachmächtig-witzige Free-Ski-Selbstversuche und die meisterhafte Verschmelzung der Biografie eines kasachischen Gletscherforschers mit dem Klimawandel im 20. Jahrhundert.

An preiswürdigem Textmaterial fehlte es weißgott nicht in diesem Jahr.

Und am Ende kam die Jury zu einem einstimmigen Votum, das sich um die eingangs erwähnten Ungewöhnlichkeiten nicht scherte – im Gegenteil. Gerade dadurch, dass Melanie Mühl vieles scheinbar verkehrt angeht, macht sie alles richtig und legt das Wettbewerbs-Thema auf beherzte und meisterhafte Art aus. „Der Bilderberg“ ist ein preiswürdiges Beispiel für extrem zeitgemäßen, vielleicht gar zukunftsweisenden Journalismus.

Man darf nicht aus den Augen verlieren, wo das Stück gedruckt wurde: in der FAZ, einer alt-ehrwürdigen Institution einer journalistischen Gattung, der es derzeit nicht gut geht, manche meinen sogar, endgültig an den Kragen. „Holzmedien“ nennen die Anhänger des Web 2.0 die Zeitungen und Zeitschriften, aus denen sich der Berg.Welten-Preis speist, und vieles von dem, was wir alle über die Berge und den Rest der Welt tagtäglich erfahren. „Holzmedien“, das klingt altmodisch, aussterbend, verzichtbar.

Mühls Text zeigt auf, was eben nicht verzichtbar ist. Und was sich auch nicht so einfach googeln lässt wie eine Zugverbindung München-Innsbruck oder die Website dieses schönen Hotels, in dem wir heute feiern.

Beglückwünschen wir uns selbst zu der Lektüre eines schönen Textes über des Menschen Streben nach dem Bewahren und über das Verschwinden und das Verlorengehen. Und gratulieren wir der Autorin Melanie Mühl zum diesjährigen Berg.Welten-Preis für den Bilderberg.
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